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Eine alte Königskette erzählt

Sie steht für die lange Tradition der Wildeshauser Schützengilde: Die Königskette

Ein König der traditionsreichen Schützengilde in Wildeshausen hat es nicht leicht: ca. 4500 Gramm muß er als äußeres Zeichen seiner Würde durch die Straßen der Stadt tragen. Die Jahreszahl am ältesten Teil der prachtvollen Königskette, dem sogenannten "Papagoy", läßt sich leider nicht mehr entziffern. Die Überlieferung mißt dem kostbaren Vogel jedoch ein Alter von weit über 500 Jahren zu. Möglicherweise stammt er also aus jener Zeit, in der nach Wildeshauser Ortstradition die Schützengilde gegründet wurde.

Die Jahreszahl 1403 in der Überschrift "Wildeshauser Schützengilde von 1403".

Dieses Jahr 1403 ist mit Sicherheit nicht das Gründungsjahr der Gilde. Im Jahre 1903 feierte man in Wildeshausen 100 Jahre Anschluß an Oldenburg. Um dem Großherzog von Oldenburg, der an dieser Feier teilnahm, eine Freude zu bereiten, hat man beschlossen, im selben Jahr das 500jährige Jubiläum der Gilde zu feiern. Daher das Datum 1403. Die Gilde ist sicher wesentlich älter.Der Umgang mit Waffen war den Bewohnern des Ortes damals freilich nicht neu. Mit der Gewährung städtischer Freiheiten verband der Erzbischof von Bremen 1270 selbstverständlich die Verpflichtung zur Heerfolge. Zudem galt es, die mit dem Stadtrecht erlangten Privilegien zu verteidigen.

Die militärische Ausbildung der Bürger übernahmen, wie in vielen anderen deutschen Städten, uralte weltliche Gilden, deren Vereinsleben eng mit der Tätigkeit religiöser Bruderschaften verbunden war. Im Jahre 1360 ist in Wildeshausen von einer St. Petersgilde die Rede. Mitgliederverzeichnisse der "10000 Ritter Bruderschaft" und der " Hl. Leichnams Bruderschaft" liegen seit dem Ende des 15. Jahrhunderts vor.

Als 1492 Amerika entdeckt wurde, bemühen sich in Wildeshausen bereits "Schaffers" um die Vorbereitung der geselligen Bruderschafts-Veranstaltungen. Einige Jahre später werden schon Gelder ausgegeben, "for den Papagoynik to maken" und, es hat sich bis heute nichts geändert, "de wy vordrunken". Dieser Papagoy könnte es sein, der die wechselvolle Geschichte einer kleinen norddeutschen Stadt überdauert und als Symbol des Freiheitswillens selbstbewußter Bürger bis in unsere Tage die Königskette der Gilde schmückt.

Nun, der interessante Silbervogel hat nicht nur die glanzvollen Volksfeste der letzten Jahrzehnte gesehen. Schon die Einwohnerzahl der abgelegenen Landstadt setzte dem ausgelassenen Treiben enge Grenzen. Zwei Zahlen zum Vergleich: 1970 traten der Gilde fast 80 neue Mitglieder bei. Im Jahre 1618 dagegen gehörten ihr insgesamt nur 116 Personen an. Es waren also recht bescheidene Pfingstvergnügen, mit denen die alten Wildeshauser Zerstreuung von der ermüdenden Eintönigkeit ihres entbehrungsreichen Ackerbürgerdaseins suchten.

Und doch gab es auch früher schon sittenstrenge Tugendwächter, die für das harmlose Spektakel vor allem ihrer jungen Mitbürger kein Verständnis hatten. So schrieb 1715 der damalige Pfarrer von St. Alexander einen mürrischen Brief an die Königliche Geheime Ratsstube in Hannover. Das Schreiben, im Stil unserer Zeit wiedergegeben, hatte etwa folgenden Inhalt:

"Die hiesige Schützengilde hat bislang die Gewohnheit, am dritten Pfingsttag nach dem Gottesdienst ein Vogelschießen zu veranstalten, danach und auch noch am nächsten Tag wird brav gesoffen und geschmaust. In diesem Jahr z.B. wurden 14 Tonnen Bremer Bier zum Preis von rund 50 Reichstalern durchgebracht. Man mag diese Zecherei noch durchgehen lassen, obwohl sie, wie anderswo auch, an einem Tag erledigt werden könnte, und ein schlechtes, eingebrautes Bier vollauf genügen würde. Es ist jedoch gar zu ärgerlich, daß dieses Unwesen ausgerechnet am dritten Pfingsttag begonnen wird, da schon an den beiden vorhergehenden Feiertagen Geistliche und Bürger durch dauernden Lärm gestört werden, nicht zuletzt versäumt ein großer Teil der jungen Mannschaft an beiden Tagen den Gottesdienst. Ich hielt es für nötig, Ew. Exzellenz diese Zustände geziemend zu schildern und bin überzeugt, daß Ew. Exzellenz gnädig geruhen werden, die Verlegung des Vogelschießens vom dritten Pfingsttag auf einem Werktag zu veranlassen, darüber hinaus wird Ew. Exzellenz eine Möglichkeit finden, dem Saufen und Schmausen Zeit und Maß zu setzen. Da die Schützengilde trotz gütlicher Zureden der Prediger und Obrigkeit nicht von ihrer üblen Gewohnheit lassen will, bitte ich gehorsamst um eine entsprechende Verordnung..."

Die bekanntlich heute noch steifen Hannoveraner müssen damals noch weniger Spaß verstanden haben als der geistliche Griesgram aus Wildeshausen, sie verboten kurzerhand das Gildefest, und es bedurfte einiger Mühe, bevor Ew. Exzellenz gehorsamste Untertanen ihren Vogel wieder auf der Stange hatten.

Im Jahre 1970 traten übrigens auch einige Theologen der Gilde bei, ein Zeichen für den Fortschritt der Zeit und die Entwicklung des alten Volksfestes, daß seinen heutigen Rahmen wesentlich den Ideen und Vorschlägen des Kaufmannes Johann Köhne und des späteren Bürgermeisters Georg Friedrich Schetter aus dem Jahre 1769 verdankt, wenn man einmal von den wegweisenden Initiativen des unermüdlichen Hermann Petermann in unserer Zeit absieht.

Wohl der Sohn Ludwig dieses Kaufmanns Köhne ist es, dessen Name die älteste noch vorhandene Plakette der Königskette ziert. Im Jahre der französischen Revolution, 1789, durfte er sein Erinnerungsschild an den silbernen Papagoy heften.

Die kleinen Kunstwerke: Die Plaketten der Königskette.

124 Plaketten haben die Stürme der Zeit und die turbulenten Gildetage bisher überstanden. Einige davon sind kleine Kunstwerke von ungewöhnlicher Schönheit. Die hübschen Filigranarbeiten an den Schildern der Könige Christoph Köhler, 1826, Heinrich Schlömer, 1842, und Heinrich Hüsing, 1822, erregen auf Anhieb die Aufmerksamkeit des Betrachters.

Besonderen Reiz bekommen die Silberstücke durch die Darstellung von Berufssymbolen der jeweiligen Schützenkönige. Die erste Plakette mit einem derartigen "Wappen des Bürgertums" stammt aus dem Jahre 1814, das Handwerk des Hufschmiedes Dietrich Rüter ist in einem schlichten, aber ausdrucksvollen Bild festgehalten.

Bei Malermeister Louis Heckmann (1847) und Schuhmacher Heinrich Mallü (1861) ist der Rahmen einer Plakette bereits gesprengt. Die Berufssymbole selbst bestimmen, wie in späteren Jahren oft, die Form der Erinnerungsplaketten. Sinnigerweise trifft der große Stiefel der Schuhmacher auch für die spätere Tätigkeit des Heinrich Mallü zu: Er wurde Wirt der Herberge zur Heimat.

Berufe mit alter Familientradition sind auf den Schildern von Liborius Panschar (1877) und Friedrich Rykena (1881) festgehalten. Exakte Gravuren erinnern daran, daß diese Familien durch Generationen als Fuhrunternehmer bzw. Buchbinder in Wildeshausen tätig waren.

Neben diesen alteingesessenen Sippen hatten Neubürger in Wildeshausen damals wohl einen schweren Stand. Jedenfalls konnte sich 1895 der Lehrer Hermann Lehmkuhl auf seiner Plakette die Bemerkung nicht verkneifen: "Als das Deutsche Reich stand 25 Jahr, ein Reingeschneiter König war". Doch mit munterer Unbekümmertheit fügt er auf gut Wildeshauserisch hinzu: "Wat schert mi dat". Nicht nur Reingeschneite hatten offenbar Schwierigkeiten zu überwinden, auch Mitbürger jüdischen Glaubens mußten sich benachteiligt fühlen. Erst vom Jahre 1860 an durften sie auf Veranlassung des damaligen Generals Schetter als Gildemitglieder verpflichtet werden. Prompt heftete darauf im Jahre 1865 der Kaufmann Louis Schwabe sein Schild an die ehrwürdige Königskette.

Für eine der schönsten Plaketten sorgte 1893 der Uhrmacher und Eichmeister Theodor Becker. Sinn für Gestaltung und hervorragendes Können zeichnen die gelungene Arbeit aus.

Daß ein neues Zeitalter der Technik und Industrie auch die 700 Jahre alte Stadt Wildeshausen nicht unberührt ließ, verdeutlicht das Berufssymbol des Elektromeisters Johann Kolloge aus dem Jahre 1924. Manche Hinweise auf moderne Arbeitsbereiche kamen in den letzten Jahren hinzu. Traktor (Hermann Schröder), Filmvorführgerät (Hero Rigbers), landwirtschaftliche Maschinen (Helmut Langhorst und Claus Petermann), Hochspannungsmasten (Bernhard Muhle) und Raupenschlepper (Hubert Apeler) verdrängten die Symbole der Weißgerber, Schuhmacher, Stellmacher oder Lohgerber des vorigen Jahrhunderts.

Die bekannteste Aufnahme eines der letzten Wildeshauser Kuhgespanne, liebevoll übertragen auf die Plakette des Königs Wilhelm Mühlenhort, ist heute, nach knapp einem Vierteljahrhundert, schon ein Bild aus ferner Vergangenheit.

Doch was eine ungewisse Zukunft an Veränderung auch bringen mag, die Wildeshauser Schützengilde wird alle Entwicklungen überdauern. Denn: Der Zahn der Zeit, der schon an vielen Althergebrachten genagt hat, wurde für das liebenswürdige Volksfest der alten Wittekindstadt längst gezogen, er schmückt die Plakette des Zahnarztes Dr. Heinz Schulte, der im Jubiläumsjahr 1953 König wurde.